Mittwoch, 22. Februar 2012

"Frauenthemen"

Hannah Beitzer hat heute einen Artikel zu Frauen in der Politik veröffentlicht. Grundsätzlich bin ich ja schon einmal dankbar, dass nicht von "nur einer Frau im Bundesvorstand" geschrieben wird. Andererseits finde ich das Fazit des Artikels aber einfach untragbar.
»Nur mit Frauen in der ersten Reihe wird es vielleicht bald echte Lösungen geben, wie man Familie, Karriere und Beziehung unter einen Hut bringen kann. Dann werden in ein paar Jahren vielleicht auch Frauen genauso viel verdienen wie Männer. Und dann werden die Töchter der  jungen Frauen von heute Vorbilder haben, die zeigen, dass man beides sein kann: Frau und Chef.«
Das liest sich für mich, als wäre jede Frau, die in der Politik in der ersten Reihe dabei sein will, dazu verpflichtet, sich dieser "Frauenthemen" anzunehmen. Ich empfinde allein das Wort "Frauenthemen" als sexistisch und verletzend. Wieso ist es denn nur für Frauen relevant, "Familie, Karriere und Beziehung unter einen Hut" zu bringen? Ich kenne wahrlich genug alleinerziehende Männer, um sagen zu können, dass das kein "Frauenthema" sein kann. Wieso ist nur für Frauen wichtig, dass es Unterschiede in der Bezahlung zwischen den Geschlechtern gibt? Stört dieser Unterschied denn Männer nicht? Haben wir nicht alle ein Verlangen nach Gerechtigkeit – das automatisch das andere Geschlecht mit einbezieht? Ich für meinen Teil habe so gar kein Interesse daran, eine Familie zu gründen – wieso in aller Welt sollte ich mich, nur auf Grund meines Geschlechtes, gerade in der Familienpolitik engagieren?

Ich bestreite nicht die Richtigkeit der Aussage, dass Frauen, die sich aus einer solchen Situation in der Politik "in die erste Reihe" arbeiten, gut geeignet sind, sich dieser Themen anzunehmen. Aber das ist – wie der Artikel eigentlich wunderbar aufzeigt – eben sehr unwahrscheinlich, weil diejenigen, die am meisten betroffen sind, das kaum tun werden. Oder können. Ich sehe es aber als Aufgabe der Politik, auf die Bedürfnisse aller Mitglieder der Gesellschaft Rücksicht zu nehmen.

Ich würde daher sehr begrüßen, wenn die Politik – und mit ihr die Medien – es schaffen würden, für alle Bürger Politik zu machen. Nicht nur für Männer, Frauen, Familien, Unternehmer, Angestellte, Hartz IV-Empfänger oder Gullideckelaufschrauber. Für alle. Weil alle Teil der Gesellschaft sind. Genau das ist einer der Gründe, warum ich Mitglied der Piratenpartei bin: um mich für Menschenrechte einzusetzen.

Kommentare:

  1. Das größte Problem, das der heutige Feminismus für mich hat, ist genau ein Punkt, den du ansprichst: Den Männern wird allein aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit (implizit) unterstellt, sie hätten ein Interesse am Fortbestand der bestehenden Verhältnisse.

    Ausgehend von diesem Axiom sind es dann nun einmal nur die Frauen, die etwas daran ändern können. :)

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  2. Ich bin seit Stunden am Lesen Ihres Blogs sowie an Infos über die Piraten und bin genau über jenen Artikel dazu gekommen auf den Sie sich beziehen. Erstmal vielen Dank für Ihre Klarheit und die Worte, dieser Blog ist Balsam für meine politikverdrossene Seele, meine Weltsicht scheint doch nicht Lichtjahre vom Rest der Menschheit entfernt...
    Zum Thema: Ich finde es insgesamt sehr schade, dass so viele Menschen so engstirnig unterwegs sind und ihre alten Weltbilder im Kopf haben und ihr Schubladendenken so fortführen. Ich arbeite in der IT, einer sich ständig wandelnden Branche und habe ständig mit hunderten Menschen rund um den Globus zu tun und genauso wie mir egal ist ob mich ein Inder, Mexikaner oder Deutscher wegen eines Problems anschreibt, so wenig interessiert mich das Geschlecht. Es sind Menschen, nicht mehr - aber auch nicht weniger als das. Wie kann man so einen Unsinn schreiben, wie kann man immer alles beschränken auf eine "Männerpartei" oder "Frauenthemen"?! Die Themen meiner Frau sind auch meine, ich habe keinen Besten Freund, sondern viele gute Freundinnen und ich freue mich über positive Ereignisse in der Welt egal ob für Frauen oder für Männer weil wir alle doch gleich sind, zumindest im Mensch-Sein.
    Vielen Dank für das Gefühl der Verbundenheit, ich bleibe weiter an Ihrem Blog und freue mich schon auf mehr "Piratismus"

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  3. Hannah Beitzers Kommentar, nur Frauen in der ersten Reihe könnten Frauen helfen, Familie, Beruf und Karriere unter einen Hut zu bringen, ihr Einkommen zu verbessern, und ihr letztendlich in die höchsten Ebenen der phallokratischen Gesellschaft zu verhelfen, wird doch schon durch die aktuelle Besetzung der Bundesregierung widerlegt.

    Ursula von der Leyen und Kristina Schröder sind in den Schlüsselministerien für genau diesen Themenbereich zuständig und haben, das zeigt dieser Artikel, nichts zu der Lösung dieser Probleme beitragen können. Stattdessen beschränkt sich Fr. Beitzers Artikel auf eine Variante der Schwarzerschen Begeisterung für Gleichberechtigung und Teilhabe der Frauen an einer wohl hauptsächlich von Männern geschaffenen Hierarchie in einer bisher patriarchalisch geprägten Gesellschaft.

    Doch wenn man die Machtstrukturen eines Patriarchats unverändert lässt und sie stattdessen durchgehend mit Frauen besetzt, dann wird es nur zu einem Matriarchat. Der Missbrauch des Gleichberechtigungsbegriffs für eine Sache, bei der manche Frauen anscheinend selbst nichts dazugelernt haben, kann weder zugunsten des einen noch des anderen Geschlechts geduldet werden, weil sonst das ursächliche Problem nicht gelöst werden kann.

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  4. @Gefion: es tut sehr gut von einer bei uns (Piraten) aktiven Frau solche Worte zu lesen. Gerade im Hinblick auf den immer häufiger anzutreffenden Kampffeminismus innerhalb unsrer Reihen, sollten sich die Menschen der PP einmal wieder darauf besinnen, für welche Werte die Piraten eigentlich stehen. Das Vertreten von anachronistischen Gendering-Positionen gehört meines Empfindens nach absolut nicht dazu - im Gegenteil, es ist mit ein Grund, warum es die Piraten gibt und wir so erfolgreichs sind.

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