Montag, 7. Mai 2012

Rezeptionsdifferenzen - oder die Reaktionen auf Johannes Ponaders Auftritt bei Günther Jauch

Häufig kommt bei der Redaktion der Flaschenpost Feedback zur Piratenpartei insgesamt an. Wahrscheinlich ist unser Kontaktformular einfach gut zu finden. Wir wehren uns dagegen nicht und verteilen die Informationen und Anregungen so gut es geht weiter. Oft ist in diesen Mails allgemeines Feedback enthalten - zu Medienauftritten, Programmpunkten oder generellen Berichten über die Piraten. Diese Mails helfen uns auch, ein Gefühl dafür zu bekommen, was viele Bürger über uns denken.

Die Hemmschwelle, jemandem eine E-Mail mit Feedback zu senden, ist erfahrungsgemäß recht hoch. Damit sich jemand hinsetzt, gezielt seine Meinung niederschreibt und versendet, muss ihn das jeweilige Thema auf einer persönlichen Ebene bewegen. Darum überraschte mich das Feedback zu dem Auftritt von Johannes Ponader bei Günther Jauch: Es kamen einige Mails mit negativem Feedback. Es waren nicht überwältigend viele - aber alle, die kamen, waren negativ. Kritisiert wurde Johannes' Outfit:
"Wie soll ich solch eine Partei ernst nehmen und wählen, wenn solche Typen wie Johannes Ponader barfüssig und in Sandalen öffentlich auftreten?"
"In Zukunft sollte so jemand, der ernst genommen werden will, sich nicht von den anderen abheben, also in Sachen Kleidung"
Aber auch an Johannes' Person und seiner beruflichen Situation gab es Kritik:
"Der Herr Pomadig (Bundesgeschäftsführer) sollte es vielleicht einmal mit richtiger Arbeit versuchen!"
Am meisten zum Nachdenken brachte mich aber eine ausführlichere E-Mail:
"Zwischen kindischen Konzepten, schlechtem Benehmen und Leistungsschwachen Antihelden an der Spitze geht der Erfolg kontinuierlich herunter. Eine historische Chance wird grade von euch verspielt. Aussenwirkung ist das A und O für einen Wahlkampf. Ihr wollt euch verkaufen. Ihr müsst nicht provozieren. Ihr habt auch so Erfolg. Was soll ich (der Wähler) jetzt von euch halten? Erster Kandidat bei Jauch ist kompetenzlos und orientierungslos das man sogar sowas wie Mitleid verspürt hat. Der zweite gestern eine Katastrophe. Die Partei hat sich so weit Links präsentiert, das es selbst den Linken peinlich ist. Wofür also steht Ihr? Mein bisheriger Eindruck ist folgender: Eine Partei der Generation NULL BOCK, arbeitsscheu, asozial, provokant, die sich Ihren Lebensstil gerne weiter so gestalten will, um diesen zu halten. Ich bin enttäuscht. Ihr habt Macht, ihr könnt groß werden und die Politik richtig mitgestalten. Statt dessen macht ihr irgendwelche erfolglose Antihelden zu Euren Führungsfiguren. Wo sind die erfolgreichen ehrgeizigen jüngeren Politiker? Gebildete junge Leute wenden sich von euch ab. Wie wollt ihr die Zukunft gestalten, wenn eure Führung nicht mal ihr eigenes Leben in den Griff bekommt. Wenn ihr weiter im Lager der notorischen Hartz 4 Empfänger und anderen Randgruppen fischen wollt, viel Glück. Ihr habt eine Chance - nutzt sie mit Führungspersönlichkeiten und einem ansprechenden Konzept!"
Das brachte mich vor allem deshalb zum Nachdenken, weil während der Sendung am Abend zuvor meine Timeline voll des Lobes für Johannes' Auftritt war. Ganz entgegen der üblichen Piratenmanier, jeden kleinen Fehler auseinander zu nehmen, waren alle - in meinem Blickfeld - hellauf begeistert, oder zumindest verhalten positiv, maximal mit dem Tenor "Luft nach oben ist immer.

Nun frage ich mich: Woher kommt diese unterschiedliche Auffassung bei den Piraten (Alles wunderbar.) und den Menschen, die uns geschrieben haben (Das geht so nicht!)?

Johannes war bei Jauch sicherlich er selber. Er hat gut argumentiert und stach durch sein Auftreten und sein Outfit deutlich aus der Masse der geschniegelten Karrierepolitiker heraus. Er verfolgte während der Sendung die Rezeption seines Auftrittes auf Twitter, vertrat unsere Themen und deutete unser Programm auch für noch unbeantwortete Fragestellungen. Alles in allem war sein Auftritt sehr "piratig". Kein Wunder also, dass er den Piraten gefiel. Seine Folowerzahl bei Twitter hat sich seit der Sendung mehr als verdoppelt - inzwischen sind es über 6000. Es ist unwahrscheinlich, dass das ausschließlich Piraten waren. Johannes kann also auch jenseits davon Massen anziehen (und wahrscheinlich überzeugen).

Es fragt sich dann, warum er anderen nicht gefiel. Die Kritik an seiner Einkommenssituation möchte ich ungern gelten lassen - es ist nicht seine Schuld, dass die Piratenpartei ihre Amtsträger nicht bezahlen kann. Über seine persönlichen Lebensumstände zu urteilen steht niemandem zu.

Die Kritik an seinem Outfit ist da schon interessanter. Piraten störten sich nicht daran, dass er unter Anzugträgern in Pulli und Sandalen - ohne Socken! - saß. Ich nehme an, dass Piraten den Politikbetrieb allgemein anders sehen als andere. Natürlich tun sie das. Sie achten auf Inhalte und nicht auf Fönfrisuren. Wer unsere Bundesparteitage kennt, den überrascht kein Outfit dieser Welt in einer Talkshow; wären wir nicht maßlos tolerant, wir könnten kaum einen Stammtisch besuchen. Bei uns muss niemand darauf achten was er anzieht: was gefällt, ist erlaubt. Toleranz ist das, was uns verbindet, ein Teil der Piratenphilosophie, die kaum ausformuliert werden muss, um gültig zu sein. Und natürlich finden wir es toll, wenn unser politischer Geschäftsführer so deutlich in der Öffentlichkeit zeigt, was es damit auf sich hat - und sich eben nicht darum schert, sich der Menge oder den Erwartungen anzupassen.

Klar ist auch, dass das einigen nicht gefällt. Bei Menschen mit einem anderen Weltbild kommt das eben nicht gut an. Ich kann ihnen das nicht verübeln: wer mit diesen Werten aufwuchs, wer ein bestimmtes Benehmen kennt und gewohnt ist, wird das immer auch von seinen Mitmenschen erwarten. Und wenn sich diese - wie Johannes - nicht an diese Konventionen halten, führt das natürlich zu Unverständnis. Im schlimmsten Fall beflügelt es die ohnehin schon vorhandenen Vorurteile.

Ich glaube, es gab drei verschiedene Arten von Zuschauern bei dieser Sendung. Die ersten waren die Piraten selbst: Relativ unkritisch, bereits mit Johannes bekannt, piratig-tolerant und von den Inhalten und unserer Philosophie überzeugt. Die zweiten waren die Aufgeschlossenen: Vielleicht noch nicht Piratenwähler, aber soweit vertraut mit uns, unserer Art von Politik und dem Wertesystem darunter, dass sie auf die Inhalte hörten, statt an Äußerlichkeiten hängen zu bleiben und sich ernsthaft mit uns auseinandersetzen. Die dritten waren die Unverständigen. Diejenigen, die die Piraten noch nicht kennen, nicht verstehen, oder beides nicht wollen. Diese regen sich über einen ALG II-Empfänger auf, der twitternd in Sandalen neben Günther Jauch sitzt. Diese Zuschauer erreichen wir mit unseren Inhalten nicht, und werden es auch nicht - zumindest nicht so.

In die Zone zwischen den Aufgeschlossenen und den Unverständigen fällt meines Erachtens diese Mail, die mich so zum Nachdenken brachte. Nicht, weil sich der Schreiber über Sandalen echauffiert. Sondern weil er mir vermittelt, was wir ihm vermittelt haben: "So fühle ich mich von euch nicht repräsentiert, so kann ich euch nicht ernst nehmen. Wenn ihr wollt, dass ich euch ernst nehme, dann zeigt Respekt vor meinem Wertesystem." Zumindest lese ich es so.

Die Frage für die Piraten ist dann: Womit wollen wir punkten und bei wem? Wollen wir unsere Inhalte überall bestmöglich platzieren? Dann müssten wir uns so weit assimilieren lassen, dass man aufhört, sich über unseren Kleidungsstil zu echauffieren. Oder besser: dann dürfen wir Talkshowgäste nicht nach dem Kulturschock-Potential auswählen, sondern danach, wer der jeweiligen Zielgruppe der Sendung unsere Inhalte am besten vermitteln kann. Nicht jeder Kulturschock ist positiv. Wenn der Preis für die erhöhte Aufmerksamkeit darin besteht, dass unsere Inhalte nicht gehört werden, ist er zu hoch - auch wenn wir damit ein Zeichen für unsere Philosophie setzen. Unsere Gäste sollten eine gewisse Affinität zur jeweiligen Zielgruppe haben. Dann wird ihnen nämlich zugehört, und nur wer uns zuhört wird uns langfristig verstehen und wählen.

Ja, das ist Marketing. Ja, das ist ein Stück weit "etabliert". Aber niemand sagt, dass wir nur Schlipsträger neben Schlipsträger setzen sollen. Wir müssen uns einfach nur dessen bewusst sein, welche Wirkung es hat, wenn wir Sandalen neben Gucci-Schuhe stellen. Wer sich von  Johannes' Sandalen provoziert fühlte, dürfte ihm kaum richtig zugehört haben - die  Aufregung um die bloßen Füße überdeckt alles andere. Das ist nicht immer und per se negativ - es verschlechtert in vielen Kontexten aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Menschen, die wir erreichen wollen, tatsächlich erreichen. Wir müssen uns entscheiden, was uns wichtig ist und wo unsere Prioritäten liegen.